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NatWiss Zirkel

Monitoring der Strandschmielen-Gesellschaft (Strandrasen) am Schweizer Bodenseeufer

Auftraggeber: Amt fĂŒr Raumentwicklung des Kantons Thurgau (www.tg.ch)

AusfĂŒhrendes BĂŒro: BĂŒro fĂŒr angewandte Ökologie und Landschaftsplanung, Michael Dienst & Irene Strang
 

Die Strandschmielen-Gesellschaft (Deschampsietum rhenanae) ist eine endemische Pflanzengesellschaft des Bodensee-Litorals. Sie beinhaltet extrem seltene Pflanzen wie Bodensee-Vergissmeinnicht, Strand-
schmiele, Strandling und Ufer-Hahnenfuß. Die Strand-
rasen-BestĂ€nde besitzen nach groben SchĂ€tzungen nur noch etwa 10-20 % Prozent der FlĂ€chengrĂ¶ĂŸe von vor 100 Jahren. Um ihre Dynamik in AbhĂ€ngigkeit von natĂŒrlichen und anthropogenen EinflĂŒssen zu erfassen, werden sie rund um den Bodensee seit ca. 1980 genauer erfasst und untersucht. Das umfangreichste Monitoring-Programm wird seit 1994 jĂ€hrlich am Thurgauer Bodenseeufer durchgefĂŒhrt. Hierzu werden drei verschiedene Erfassungsmethoden eingesetzt:

1. quantitative Erhebung der BestandsgrĂ¶ĂŸen der
   Charakterarten an allen 90 Wuchsorten.
2. Transektmethode mit Rasterkartierung Ă  10x10 cm
   auf einer Breite von 1m
3. Mikrokartierung im Maßstab 1:100 auf einem ganzen   Uferabschnitt mit GIS-Auswertung
 

Ergebnisse: Sowohl die typischen Strandrasen-Arten wie auch ihre Begleit- bzw. Konkurrenzpflanzen reagieren relativ schnell auf extreme Wasserstands-
phasen. In der Niedrigwasserperiode 1989 bis 1991 haben sich die Strandrasen bis ĂŒber 10 m seewĂ€rts ausgedehnt. Die VerdrĂ€ngung der Strandrasenarten durch hochwĂŒchsige SĂŒĂŸ- und SauergrĂ€ser fĂŒhrte schließlich zu einer verschĂ€rften Konkurrenzsituation. Das Extremhochwasser von 1999 und die lange Überschwemmung 2002 ergab eine Umkehrung dieses Prozesses. Das extrem Trockenjahr 2003 bewirkte wiederum eine seewĂ€rtige Verlagerung der Ufervegetation. Starke BestandsrĂŒckgĂ€nge gab es beim Bodensee-Vergissmeinnicht durch die langen Hochwasser von 2012 und 2013.


Die Untersuchungen werden begleitet von regelmĂ€ĂŸigen Kontrollen, Pflegemaßnahmen sowie Information der Gemeinden und UfernutzerInnen.
 

Literatur auf dieser Website (http://www.bodensee-ufer.de/Inhalt/Publikationen/publikationen.html)
 

Das Bodensee-
Vergissmeinnicht ist die Charakter-
pflanze der Strandrasen.
 

Besprechung mit Vertretern des Amtes fĂŒr Raumplanung:
Irene Strang,
R. Hipp und
A. Stauffer.
 

Michael Dienst beim ‚Mikro-
kartieren‘
.

Strandrasen bei MĂŒnsterlingen 
1-m-Raster: 
rot = Strandling,
grĂŒn = Strand-
schmiele,
gelb = Ufer-
Hahnenfuß,
Rest: GrÀser.
 

Strandschmiele-Projekt

Projekt 2016-2019

Schutz der vom Aussterben bedrohten Strand-Schmiele

(Deschampsia rhenana) am Bodensee

GefĂ€hrdungsanalyse, Erhaltungskultur, BestandsstĂŒtzung und Wiederansiedlung

Abb. 1. Pseudovivipare Rispe der Strand- Schmiele (Deschampsia rhenana)
16.07.2006, Konstanz Seehalde
(Foto: M. Dienst).

060716-Hörnle-06-kl

Ausgangssituation

Die Kiesufervegetation am Bodensee (Strandrasen) ist besonders schĂŒtzenswert, weil hier mit Bodensee-Vergissmeinnicht (Myosotis rehsteineri) und Strand-Schmiele (Deschampsia rhenana) zwei Arten zu finden sind, die weltweit (fast) nur noch hier vorkommen. Aufgrund des kleinen Verbreitungsareals und des starken Nutzungsdrucks am Ufer gehören sie zu den am stĂ€rksten bedrohten Arten in Mitteleuropa. Daher sind sie auf allen Roten Listen der Bodensee-Anrainerstaaten als „vom Aussterben bedroht“ aufgefĂŒhrt.

WĂ€hrend die Bestandsentwicklung beim Bodensee-Vergissmeinnicht im langfristigen Trend durchaus positiv verlief, ist dies bei der Strand-Schmiele nicht der Fall. Die Populationen der Strand-Schmiele sind klein und die Bestandszahlen hĂ€ufig rĂŒcklĂ€ufig. Am gesamten Bodenseeufer sind 2011/2012 nur noch BestĂ€nde mit einer FlĂ€che von ca. 120 mÂČ vorhanden (Abb. 2 u. 3).

Obwohl die Strand-Schmiele auf den ersten Blick eine eher unscheinbare Gras-Art ist, ist sie dennoch einzigartig. Die Pflanzen vom Bodensee unterscheiden sich von verwandten Arten durch eine auffĂ€llige Form der vegetativen Vermehrung, der sog. Pseudoviviparie oder VergrĂŒnung (Abb. 1). Die BlĂŒten bilden anstatt Samen kleine neue GraspflĂ€nzchen. Bereits Eugen Baumann hat 1911 in seiner Arbeit ĂŒber die Vegetation des Untersees vermutet, dass diese Vermehrungsform als Anpassung an die amphibische Lebensweise der Strand-Schmiele (stark schwankende WasserstĂ€nde des Bodensees) zu deuten ist. Es bilden sich jedoch auch Samen, die eine normale sexuelle Vermehrung erlauben.

Bis vor kurzem wurden die Strand-Schmielen vom Bodensee als Deschampsia littoralis bezeichnet. Neuere genetische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass D. littoralis vom Lac de Joux der weit verbreiteten Rasen-Schmiele (D. cespitosa) verwandtschaftlich nÀher steht als den Pflanzen vom Bodensee. Daher werden die Pflanzen am Bodensee unter dem Namen Deschampsia rhenana wieder als eine eigenstÀndige Art betrachtet (Hand & Butler 2014, Peintinger et al. 2012). Somit ist die Verbreitung dieser Art weltweit auf das Bodenseegebiet beschrÀnkt.

Abb3-Bsee Strang 201202

Abb. 2. RĂŒckgang der Strand-Schmiele (Deschampsia rhenana) am Untersee (Strang et al. 2012).

 

Das Projekt

Ziel des Projekts ist es, die Ursachen des RĂŒckgangs der Strand-Schmiele genauer zu untersuchen und die Nachzucht und Wiederansiedlung zu erproben. Dazu dienen vier Teilprojekte:

 

1. Auswertung bestehender Daten

Die Strandrasen am Bodensee werden seit Jahrzenten beobachtet. Daten, die im Rahmen dieser Monitoring-Programme gewonnen wurden, werden speziell hinsichtlich der Populationsentwicklung von D. rhenana ausgewertet.

 

2. Untersuchungen zu Vermehrung und Ausbreitung

In zehn Populationen werden zwischen zwei und fĂŒnf DauerflĂ€chen eingerichtet, um die Populationsentwicklung zu beobachten. Speziell Ausbreitung und Vermehrung sollen untersucht werden, da diese entscheidend fĂŒr den Erhalt der Populationen sind.

 

3. Ausbau der Erhaltungskultur

FrĂŒhere genetische Untersuchungen haben gezeigt, dass trotz vegetativer Vermehrung die genetische Vielfalt der Populationen recht groß ist. Dem muss auch bei den Erhaltungskulturen Rechnung getragen werden. Deshalb sollen weitere Pflanzen gesammelt werden, um mehr Genotypen zu erhalten.

 

4. BestandsstĂŒtzung ĂŒber Pseudoviviparie

BestandsstĂŒtzungen sollen in fĂŒnf Populationen mit Hilfe der pseudoviviparen BlĂŒtenrispen erprobt werden.

 

5. Wiederansiedlungsversuch

Wiederansiedlungen werden an je einem Ort in Baden-WĂŒrttemberg, Bayern, Thurgau und Vorarlberg durchgefĂŒhrt und deren Erfolg untersucht.

 

Projektpartner

 

ProjektdurchfĂŒhrung

  • Arbeitsgruppe Bodenseeufer (AGBU), Konstanz:
       Dr. Markus Peintinger, Irene Strang
  • UmweltbĂŒro Markus Grabher (UMG), Bregenz (Mitglied bei AGBU)
  • Botanischer Garten der UniversitĂ€t Konstanz: Dr. Gregor Schmitz

Fachliche und finanzielle UnterstĂŒtzung

  • RegierungsprĂ€sidium Freiburg, Ref. 56 Naturschutz und Landschaftspflege, Freiburg
  • Landesanstalt fĂŒr Umweltschutz Bayern, Ref. 51 Fachgrundlagen Naturschutz, Augsburg
  • Amt fĂŒr Raumentwicklung des Kantons Thurgau, Frauenfeld
  • Amt der Vorarlberger Landesregierung (Natur- und Umweltschutz), Bregenz
  • Fondation Petersberg pro planta et natura, Kilchberg (CH)
Abb2-UNtersee Dienst 200402

Abb. 3. Historische Verbreitung und Anzahl der Fundorte der Strand-Schmiele (Deschampsia rhenana) am Bodensee (Dienst et al. 2004).

 

Kontakt

Dr. Markus Peintinger

GĂŒttinger Str. 8/1 | D-78315 Radolfzell

Tel. +49(0)7732 / 919527

markus.peintinger@bodensee-ufer.de

 

 

Literatur

  • Baumann, E. (1911): Die Vegetation des Untersees (Bodensee). – Archiv fĂŒr 
      Hydrobiologie, Supplement 1: 1–554.
  • Dienst, M., Strang, I. & Peintinger, M. (2004): Entdeckung und Verlust
      botanischer RaritĂ€ten am Bodenseeufer – das Leiner-Herbar und die
      Strandrasen. – Ber. Bot. Arbeitsgem. SĂŒdwestdeutschland. Beiheft 1: 209–230.
  • Hand, R. & Buttler, K.-P. (2014): BeitrĂ€ge zur Fortschreibung der Florenliste
      Deutschlands (Pteridophyta, Spermatophyta) – Siebte Folge. – Kochia 8: 71–89.
  • Peintinger, M., Arrigo, N., Brodbeck, S., Koller, A., Imsand, M. & Holderegger, R.
      (2012): Genetic differentiation of the endemic grass species Deschampsia
      littoralis at pre-Alpine lakes.
    – Alpine Botany 122: 87–93.
  • Peintinger, M., Strang, I., Miller, I. & Dienst, M. (2010): Monitoring in einem FFH-
      Lebensraum: Bestandsentwicklung von Strandrasenarten am Bodensee
      1987–2006. – Natur und Landschaft 85: 470–477.
  • Schmitz, G., Dienst, M., Peintinger, M. & Strang, I. (2006): Der Bodensee-
      Strandrasen: Ex-situ-Kultur verschiedener Arten im Botanischen Garten
      Konstanz. – Schriften Ver. Geschichte Bodensee 124: 221–230.
  • Strang ,I., Dienst, M. & Peintinger, M. (2012): Die Entwicklung der Strandrasen
      am Unterseeufer in den letzten 100 Jahren. – Mitteilungen der  Naturfor-
      schenden Gesellschaft Thurgau 66: 199–223.